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Motorische Entwicklung sonstige
bearbeitet von:
Nicola Steinhauff
zuletzt bearbeitet am: 27.06.04
Die motorische Entwicklung beschreibt lebensalterbezogene Veränderungen der
Steuerungs- und Funktionsprozesse, die dem Menschen für die Koordination seiner
Körperhaltung und Bewegungen zur Verfügung stehen.
Das motorische System hat die Aufgabe das Zusammenspiel einer angemessenen Haltung und
der darauf aufbauenden Bewegung des Körpers zu kontrollieren. Wenn der Mensch geht,
hüpft, sitzt oder auch nach etwas greift, laufen diese Steuer- und Regelungsvorgänge im
Körper ab. Maßgeblich an dieser Regulation beteiligt ist das zentrale Nervensystem,
welches die motorischen Prozesse und Reaktionen organisiert.
Der Begriff der Sensomotorik berücksichtigt den engen Zusammenhang zwischen
sensorischer Information (Wahrnehmung) und motorischer Aktion (Bewegung). Die an der
Motorik beteiligten Strukturen können Bewegungen nur funktionsgerecht ausführen und
regulieren, wenn sie mit Hilfe sensorischer Vorgänge Informationen über die jeweilige
Körperstellung und über die Ausführung der angestrebten Bewegungen erhalten.
Zudem spielen motorische Lernprozesse in den verschiedenen Entwicklungsphasen eine
wichtige Rolle. Menschen können aus einer Förderung ihrer motorischen Fähigkeiten
häufig bis ins Erwachsenenalter profitieren, da sie auch dann noch auf Erlerntes
zurückgreifen können.
Der Begriff der Entwicklung wird sehr vielfältig verwendet und verstanden. Man geht
heute davon aus, dass Entwicklungen nicht nur im Kindes- und Jugendalter, sondern auch im
Erwachsenenalter wenn auch meist weniger offensichtlich- stattfinden. Veränderungen
können zwar gewisse Gesetzmäßigkeiten aufweisen, letztendlich verläuft die Entwicklung
jedoch sehr individuell und wird von vielfältigen inneren und äußeren Einflüssen
geprägt.
In der Beobachtung des motorischen Entwicklungsverlaufs sind besonders die
Koordinationsfähigkeit sowie die Entwicklung von Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit und
Bewegungsrhythmus relevant:
- Geburt bis Schulkinderalter (5-6 Jahre):
Nach der Geburt ist die lebenswichtige Motorik (Atmung, Ernährung und Schutzreaktionen)
reflex- und reaktionsgesteuert organisiert. Im Laufe der Zeit lernt das Kind
zielgerichtete Bewegungsmuster zu entwickeln. Das Bewegen und Erfassen der Umwelt (sich
drehen, krabbeln etc.) hat dabei eine fundamentale Bedeutung. In den ersten Lebensjahren
wird die Balance zwischen Stabilität und Mobilität erlernt. Schließlich ist es dem Kind
möglich motorische Abläufe auf Gegenstände abzustimmen (z.B. Roller fahren), an
bestimmte Anforderungen angepasste Bewegungen auszuführen (z.B. Gleichgewicht halten)und
sensorische Informationen in den Bewegungsablauf zu integrieren (z.B. Bewegung von Bällen
abzuschätzen und dementsprechend darauf zu reagieren).
- Schulkindalter bis Pubertät (10-14 Jahre):
In dieser Zeit werden Bewegungsabläufe und Kombinationsmöglichkeiten der Bewegungsmuster
feiner abgestimmt und trainiert. Begünstigt wird dies durch die vorteilhaften
körperlichen Proportionen, den Anstieg der Konzentrations- und motorischen
Merkfähigkeit, sowie das hohe Aufnahmepotential von Informationen, das Kinder sehr
nachahmungsfähig macht. Bei Schulkindern gilt die Förderung koordinativer Fähigkeiten
(betreffen räumliche Orientierung, Reaktion, Rhythmus und Gleichgewicht) als
entscheidende Voraussetzung für das Erlernen sportlicher und motorischer Fertigkeiten.
Durch eine verbesserte Motorik wird wiederum auch die Kondition gestärkt. Sportlich
aktive Kinder scheinen insgesamt einen Vorsprung in der motorischen Entwicklung zu haben.
Freiräume zum Ausprobieren, Herumtoben, Spielen und Sammeln von Bewegungserfahrungen
spielen dementsprechend eine wichtige Rolle.
- Pubertät bis Adoleszenz (18-20 Jahre):
In der Pubertät müssen Bewegungen auf Grund der starken psychischen und physischen
Veränderung und Reifung wieder neu ausdifferenziert und angepasst werden. Es kann zu
vorübergehenden Verschlechterungen in der Koordination kommen, was sich zum Beispiel
durch typisch ungelenke und schlaksige Bewegungen äußert. Die Geschlechtsspezifischen
Unterschiede (z.B. in der Muskelmasse) prägen sich nun besonders in der motorischen und
konditionellen Entwicklung aus.
- Erwachsenenalter:
Bei Erwachsenen bis zum 25.-35. Lebensjahr bleiben die gewonnen Fertigkeiten je nach
Aktivitätsverhalten relativ stabil.
Besonders ab dem 50.-60. Lebensjahr sorgen degenerative Prozesse für eine Abnahme der
Kondition und Bewegungsfähigkeit. Die Bewegungen werden langsamer und unrhythmischer. Je
nach Bewegungsfreude in früheren Lebensjahren kann die körperliche Belastbarkeit bei den
einzelnen Menschen jedoch stark variieren.
Das Lebensalter ist in der motorischen Entwicklung jedoch nicht als Ursache der
Veränderung anzusehen, sondern dient nur zu deren Beschreibung. Zur Erklärung müssen
zugrundeliegende Bedingungen, Ereignisse und Einflussfaktoren untersucht werden. Dazu
können u.a. folgende zählen: genetisch-biologische Einflüsse (physiologisches Wachstum,
kognitive und sprachliche Funktionen etc.), soziale Entwicklungsaufgaben, kritische
Lebensereignisse und Umstellungen (Erkrankung, Unfall etc.) sowie auch kulturell und
historisch bedingte Faktoren (Werte, ökonomische Ressourcen, Epidemien etc.).
Ist die Entwicklung der motorischen Koordination deutlich beeinträchtigt, spricht man
von dem Krankheitsbild "Umschriebene motorische Entwicklungsstörung", welches
sich durch eine stark ausgeprägte Ungeschicklichkeit äußert. Häufig tritt es bei
Kindern in Verbindung mit Entwicklungsstörungen neuropsychologischer Funktionen
(Sprachentwicklung, Aufmerksamkeit etc.), jedoch ohne erhebliche Intelligenzminderung,
auf. In der Diagnostik muss eine neurologische Erkrankung ausgeschlossen werden. Behandelt
werden kann diese Entwicklungsstörung manchmal schon durch eine stärkere Förderung der
Bewegungserfahrungen des Kindes im Alltag beim Spielen oder durch sportliche Betätigung.
Bei stärkeren motorischen Funktionsstörungen, welche auch zu sekundären psychischen
Problemen (wie Eingliederungsprobleme, Verlust des Selbstwertgefühls etc.) führen
können, kommen Therapiekonzepte der Physio-, Ergo- oder Mototherapie zum Einsatz.
Es ist davon auszugehen, dass die motorische Entwicklung von Generation zu Generation
variieren wird, sprich das motorische Profil heutiger alter Mensch wird voraussichtlich
nicht mit demjenigen heute junger Menschen im entsprechenden Alter übereinstimmen. Dies
erschwert die Suche nach allgemein gültigen Beziehungen und versteht die motorische
Entwicklung auch als eine Art Kulturphänomen. Veränderungen im Freizeitverhalten,
bedingt zum Beispiel durch den erhöhten Computer- und Fernsehkonsum, können sich
nachhaltig auf die motorische Entwicklung auswirken.
Quelle(n) und weitere Informationen:
Baur, J.; Bös, K.; Singer, R.: Motorische Entwicklung. Ein Handbuch.
Schorndorf: Verlag Karl Hofmann, 1994
Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin: Leitlinien
Kinderheilkunde und Jugendmedizin. München: Urban & Fischer Verlag, 2001
Kaul, P.; Zimmermann, K.W. (Hrsg.): Physische und motorische
Entwicklung im Kindes- und Jugendalter eine sportwissenschaftliche Betrachtung von
Ergebnissen und Theorien. Gesamthochschule Kassel, 1994
Schellhammer, S.: Bewegungslehre. Motorisches Lernen aus Sicht der
Physiotherapie. München/Jena: Urban & Fischer Verlag, 2002
Wollny, R.: Motorische Entwicklung in der Lebensspanne. Warum lernen
und optimieren manche Menschen Bewegungen besser als andere? Schorndorf: Verlag Karl
Hofmann, 2002
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