Das Autogene Training wurde in den 30er Jahren von dem deutschen Psychiater J. H.
Schultz aus der Hypnose weiterentwickelt und von ihm auch als konzentrative
Selbstentspannung bezeichnet. Es handelt sich dabei um eine Entspannungstechnik, die
auf der Verbesserung der Körperwahrnehmung und der Bedeutung der Vorstellungskraft
beruht.
Das grundlegende Ziel des Autogenen Trainings besteht darin, sich in jeder Situation
entspannen zu können, innere Ruhe und Gelassenheit zu finden. Daneben werden:
- das Erlangen einer Balance zwischen Spannung und Entspannung,
- die Steigerung der Konzentrationsfähigkeit
- die Begrenzung des Schmerzempfindens,
- das Erreichen eines bewussten Körperempfindens und
- einer positiven Lebenseinstellung,
- sowie die Regulierung der vegetativen Körpervorgänge angestrebt.
Wirkungsweise
Da Leistung und Erholung vom vegetativen oder autonomen Nervensystem
bestimmt werden und damit nicht durch unseren Willen beeinflusst werden können, muss eine
Umschaltung des Körpers zwischen diesen Zuständen über einen Umweg
erfolgen. Die Voraussetzung dafür bildet die Konzentration sowohl auf die Aufmerksamkeit
gegenüber den Geschehnissen im Körper, als auch auf die Vorstellung von Formeln und
Bildern.
Befindet sich der Körper im Ruhezustand, sind damit bestimmte Empfindungen verbunden.
Beispielsweise führt die Entspannung der Muskeln in den Gliedmaßen zu einem
Schweregefühl, eine gute Durchblutung hingegen zu einem Wärmegefühl. Das Autogene
Training ermöglicht jedoch auch die umgekehrte Wirkung: durch das konzentrierte
Vorstellen von warmen Armen kann die Durchblutung gesteigert und nachfolgend eine
körperliche Entspannung erlangt werden.
Grundprinzipien und Rahmenbedingungen
Vermittelt wird das Autogene Training in der Regel in Gruppenkursen unter Anleitung
eines Psychologen, Arztes oder sonstigen Fachkundigen innerhalb einiger Wochen. Es kann
aber auch durch ein Selbststudium erlernt werden. Bei beiden Varianten werden einzelne
Lernschritte durchlaufen: zu Beginn konzentrieren sich die Übenden vorwiegend auf ein
einzelnes Körperteil mit wachsender Wahrnehmungsfähigkeit und Sicherheit werden
die Übungen allmählich auf den gesamten Körper ausgedehnt.
Obwohl langfristig gesehen eine weitgehende Unabhängigkeit von äußeren Bedingungen
angestrebt wird, ist es am Anfang hilfreich, die Umgebung sowie bestimmte Gewohnheiten
(zum Beispiel einen bestimmten Zeitpunkt für das Training) beizubehalten, um eine
erfolgreiche Entspannung zu unterstützen.
Eine ebenso wichtige Rolle spielt eine geeignete Körperhaltung. Prinzipiell kann in
jeder Haltung trainiert werden, in der die Muskeln vollkommen entspannt werden können.
Meist empfiehlt sich in der Anfangsphase eine liegende Position, da sie das Lernen
erleichtert. Mit zunehmender Erfahrung ist es jedoch erstrebenswert, verschiedene
Haltungen einzusetzen.
Die Übungen
Die Grundstufe des Autogenen Trainings besteht aus sechs Übungen, die aufeinander
aufbauen und sich gegenseitig verstärken. Die Basis bilden Formeln und Bilder, die dazu
beitragen, die Konzentration auf die für die Übungen ausgewählten Vorstellungen zu
lenken und deren Lebhaftigkeit zu steigern. Die Übenden sagen sich diese bestimmten Worte
und Bildassoziationen mehrmals konzentriert still vor und führen sie sich intensiv vor
Augen:
1. Übung: Schwere Der rechte
(linke) Arm ist ganz schwer Die erste Übung dient der Muskelentspannung.
2. Übung: Wärme Der rechte
(linke) Arm ist ganz warm Die zweite Übung dient der Gefäßentspannung.
3. Übung: Atmung Atmung ganz
ruhig Die dritte Übung dient der Atemeinstellung.
4. Übung: Herz Herz schlägt ganz
ruhig und kräftig Die vierte Übung dient der Herzregulierung.
5. Übung: Sonnengeflecht
Sonnengeflecht ist strömend warm Die fünfte Übung dient der Regulierung der
Bauchorgane.
6. Übung: Kopf Die Stirn ist
angenehm kühl Die sechste Übung dient der Regulierung des Kopfgebietes.
Am Ende der Übungen bildet das bewusste und sorgfältige Zurücknehmen
einen wichtigen Teil des Autogenen Trainings. Durch das bewusste Aufwachen, das mit einem
Strecken des Körpers einher geht, werden die Nervenenden aktiviert und eine vegetative
Umschaltung vom Entspannungs- in den Leistungszustand erreicht.
Anwendungsmöglichkeiten
Das Autogene Training als Entspannungstechnik besitz eine große
gesundheitsförderliche Wirkung und eignet sich damit für viele Anwendungsbereiche. Neben
der allgemeinen Förderung des Wohlbefindens durch Erholung und Entspannung bei Stress,
kann Autogenes Training auch Therapie begleitend oder rehabilitativ bei einer Vielzahl von
Erkrankungen eingesetzt werden und zur Linderung der Symptome beitragen. So zum Beispiel
bei:
- chronischen Schmerzzuständen,
- Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates,
- Herz- und Kreislauferkrankungen,
- Erkrankungen der Haut oder Augen,
- neurologischen Störungen,
- Störungen des Hormonhaushalts,
- Diabetes mellitus,
- Parkinson,
- Inkontinenz,
- Kopfschmerzen,
- Bluthochdruck,
- Verdauungsstörungen,
- Nervosität, Schlaf- und Angststörungen.
Darüber hinaus bietet sich Autogenes Training zur Entwöhnung des Rauchens, Trinkens
oder ähnlicher Süchte an. Ebenso dient es der Bewältigung von
Selbstsicherheitsstörungen, akuten Lebenskrisen und dem Umgang mit Konfliktsituationen im
familiären oder sozialen Umfeld. Es kann zudem eingesetzt werden, um die körperliche und
geistige Leistungsfähigkeit zu steigern.
Nicht zu empfehlen ist Autogenes Training hingegen unter anderem bei akuten schweren
Depressionen, ausgeprägten Psychosen, Zwangssymptomatiken und fortgeschrittenen
dementiellen Erkrankungen.
Insgesamt bleibt festzuhalten, dass das Autogene Training keine Konflikte löst oder
körperliche Krankheiten heilt. Jedoch verschafft es uns eine Erholungspause, bereitet die
Grundlage für einen Heilungsprozess vor und kann eine ganzheitliche Auseinandersetzung
mit Störungen oder Erkrankungen durch eine Förderung der Selbstverwirklichung
ermöglichen.
Hirsch, R. D. & Hespos, M.: Autogenes Training bis ins hohe Alter.
Basistherapeutikum und Gesundheitsförderung. München/Basel: Ernst Reinhardt Verlag,
2000.