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Lesen Sie hier Beiträge zum Thema
"Viele Rollstühle könnten verbessert werden (max. 12)"

Eine Antwortmöglichkeit finden Sie am Seitenende

Beitrag "Viele Rollstühle könnten verbessert werden" lesen  
Nachricht von:
[ engelchen25 ]  
Betreff: Viele Rollstühle könnten verbessert werden
geschrieben am: 29.06.2009 09:29
Nachricht:

super ausführlicher Bericht.
ich kann das alles nur noch bekräftigen, zumal für Kinder die Rollis noch schlechter sind, da die Proportionen der Kinder und die mögliche Kraft - entsprechend Behinderungsbild völlig außer acht gelassen wird.
Hier zeigt sich, das ein "Hilfsmittel, das dem Ausgleich einer Behinderung dient"lt. SGB V zur Behinderung wird.

Beitrag "Viele Rollstühle könnten verbessert werden" lesen  
Nachricht von:
[ Roland Bruzek ]  
Betreff: Viele Rollstühle könnten verbessert werden
geschrieben am: 14.03.2008 10:55
Nachricht:

aus: Informationsdienst Wissenschaft - idw - Pressemitteilung
Fachhochschule Bielefeld, Frank-Rüdiger Bürgel, 14.03.2008

Erste Forschungsergebnisse: Viele Rollstühle statt Hilfe zusätzliche
Behinderung

Viele kranke und behinderte Menschen fühlen sich bei der
Rollstuhlauswahl schlecht beraten. Die Qualität vieler Rollstühle ist
derart mangelhaft, dass diese für Nutzerinnen und Nutzer eher eine
zusätzliche Behinderung als ein Hilfsmittel darstellen. Das sind u. a.
Ergebnisse des auf drei Jahre angelegten interdisziplinären
Forschungsprojektes 'Optimierung des Rollstuhlkomforts' an der
Fachhochschule (FH) Bielefeld.

Beteiligt sind die Fachbereiche Maschinenbau (Initiator und Leiter
Professor Dr.-Ing. Ralf Hörstmeier) sowie Pflege und Gesundheit
(Professorin Dr. Beate Klemme). Gefördert wird das Forschungsprojekt
mit einer Fördersumme von fast 300.000 Euro vom Bundesministerium für
Bildung und Forschung (BMBF). Die ersten Ergebnisse wurden vor einem
Fachpublikum präsentiert.

Der Komfort eines Rollstuhls spielt eine wichtige Rolle für die
Lebensqualität eines Menschen mit dauerhafter oder vorübergehender
Behinderung. Er entscheidet über die Form der Teilhabe an Beruf, Sport
und Freizeit. Initiiert von Professor Ralf Hörstmeier vom Fachbereich
Maschinenbau der FH Bielefeld, beschäftigt sich seit 2005 ein
interdisziplinäres Wissenschaftsteam mit der technischen Untersuchung
von manuellen Rollstühlen und den Anforderungen von Nutzerinnen und
Nutzern.

Das Forschungs- und Entwicklungsprojekt, das vom BMBF gefördert wird
und inklusive Drittmitteln (rund 32.000 Euro) ein Auftragsvolumen von
fast 300.000 Euro hat, umfasst Material- und Konstruktionsprüfungen
auf hochschuleigenen Prüfständen, eine wissenschaftliche Umfrage sowie
Messreihen mit Rollstuhlfahrerinnen und -fahrern. Durchgeführt wird es
mit 15 Kooperationspartnern aus ganz Nordrhein-Westfalen: kleine und
mittelständische Unternehmen (KMU), darunter Rollstuhlhersteller und
-zulieferer, Verbände wie der Behindertensportverband Nordrhein-
Westfalen e. V. (BSNW) oder Institutionen wie das Zentrum für
Innovation in der Gesundheitswirtschaft OWL (ZIG). Der
interdisziplinäre Ansatz des Projektes mit Beteilung der Fachbereiche
Maschinenbau sowie Pflege und Gesundheit spiegelt die beiden Facetten
des Themas 'Rollstuhlkomfort' wider: Mensch und Technik.

Viele Nutzer wünschen bessere Beratung
Die Praxiserfahrung zeigt, dass viele Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer
sich schlecht beraten fühlen und ihre Rollstühle als nicht
individuell, nicht richtig angepasst empfinden. 88 Prozent der
Befragten legen sehr großen Wert auf kundenorientierte Beratung. Sie
stufen eine ganzheitliche Kundenberatung unter Berücksichtigung ihrer
persönlichen Anforderungen und Wünsche als 'ziemlich wichtig bis
äußerst wichtig' ein. Das geht aus der repräsentativen Befragung
hervor, die Professorin Beate Klemme und ihr Team vom Fachbereich
Pflege und Gesundheit von August 2006 bis August 2007durchgeführt
haben. In die schriftliche Erhebung mittels Fragebogen wurden neben
Rollstuhlnutzerinnen und -nutzern auch Angehörige und Bezugspersonen,
therapeutische Fachkräfte, Pflegepersonal, Rollstuhlhersteller und der
Fachhandel einbezogen.

Die befragten Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer zwischen 17 und 75
Jahren wurden vorab gezielt gruppenweise für Stichproben ausgewählt:
erfahrene Nutzer/innen aus Klinikgruppen, Therapiegruppen, aus dem
Bereich Betreutes Wohnen, aus Rollstuhl-Trainingsgruppen oder aus
Treffpunkten. Abgefragt wurden insgesamt 30 Kriterien zum
Rollstuhlkomfort und zum Anpassungsprozess während der
Hilfsmittelbeschaffung. "Die Antworten geben deutlich die Wünsche und
Anforderungen der auf Rollstühle angewiesenen Menschen auf der einen
Seite und die Realität auf der anderen Seite wieder", so Professorin
Klemme.

Viele Rollstühle zu schwergängig
Bei den Fragen nach den wichtigsten Kriterien für einen komfortablen
Rollstuhl wurden vier Punkte rund 700 mal als 'ziemlich wichtig bis
äußerst wichtig' angekreuzt. Für etwa 93 Prozent der Befragten ist
eine körpergerechte, gut angepasste Sitzposition ein Hauptkriterium
für Komfort, rund 84 Prozent legen Wert auf eine hohe Kippsicherheit
und Fahrstabilität, mehr als 85 Prozent sprechen sich für ein große
Wendigkeit und Manövrierbarkeit aus und mehr als 84 Prozent nennen
einen geringen Kraftaufwand (bei der eigenen Handkraft genauso wie bei
der Schubkraft einer Begleitperson).

Der Wunsch nach Komfort und die tatsächlichen Anwendungsbedingungen
divergieren bei Rollstühlen stark. "Es gibt große Unterschiede bei der
Leicht- beziehungsweise Schwergängigkeit von Rollstühlen", so der
Initiator und Leiter des Forschungsprojektes, Professor Hörstmeier. Er
verweist auf die Ergebnisse einer Messreihe der FH Bielefeld auf der
letzten Fachmesse 'Rehacare', eine der weltweit größten
Gesundheitsmessen, im Herbst 2007 in Düsseldorf. Gemeinsam mit einem
Kooperationspartner aus der Wirtschaft wurde dort ein
Rollstuhlergometer mit Kraftsensor angeboten, der den Fahrwiderstand
eines Rollstuhls messen konnte. 140 Probandinnen und Probanden nutzten
an vier Messetagen die Chance. Die spätere Auswertung ergab
Rollwiderstandswerte von enormem Unterschied (bis zu Faktor 30) -
abhängig von Hersteller und Modell, aber auch von der Bereifung. Das
Fazit: Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer leisten viel: Die Ergebnisse
liegen zwischen zehn und 450 Watt (Mittelwert 210 Watt).

Zum Vergleich leistet ein Radfahrer, der zwei Stunden fährt, 130 Watt.
Auf einem Hometrainer werden über zwei Minuten rund 300 Watt und beim
zehn Sekunden langen Hochsprinten von Treppen über 500 Watt erzielt.
Über einen gesamten Tag kann ein Mensch eine Dauerleistung von 80 Watt
aufbringen. "Viele Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer müssen weit mehr
leisten, um am Leben teilhaben zu können", verdeutlicht Professor
Hörstmeier anhand der Forschungsergebnisse, "die Messreihe auf der
Rehacare hat erhebliche Unterschiede verdeutlicht: der schlechteste
Rollstuhl bot einen hohen Widerstand und erforderte viel Kraftaufwand,
nämlich 450 Watt, er erforderte also fast die gleiche Energie wie
zehnsekündiges Treppenhochlaufen; der beste Rollstuhl dagegen wies
einen niedrigen Widerstand und damit einen geringen Kraftaufwand auf,
nämlich zehn Watt, was ungefähr einem Spaziergang entspricht."

Rollstuhlfahren kostet viel Energie
Die Leichtgängigkeit eines Rollstuhls hänge auch mit der
Radkonstruktion und dem Reifenmaterial zusammen, so der Projektleiter.
Auch die richtige Verlagerung des Körperschwerpunktes beim Fahren
spiele eine beträchtliche Rolle - und damit eine gute Fachberatung bei
der Auswahl und Einweisung. Die Untersuchung eines
Rollstuhlherstellers hat ergeben, dass beim Rollstuhlfahren mehr als
90 Prozent der aufgebrachten Energie in die Fortbewegung verloren
gehen. "Unsere Forschungsergebnisse belegen, dass manuelle Rollstühle
optimierungsbedüftig sind, genauso wie die Beratung und Begleitung bei
der Auswahl eines Rollstuhls und die Einweisung in seine Nutzung",
resümieren die beiden Professoren.

Die Anschubfinanzierung des Forschungsprojektes 'Optimierung des
Rollstuhlkomforts' durch das Bundesministerium für Bildung und
Forschung läuft Ende 2008 aus. Die Projektarbeit wurde um ein Jahr
verlängert. Künftig sollen weitere Untersuchungen an den Prüfständen
des Fachbereichs Maschinenbau am Standort Am Stadtholz durchgeführt
werden. Hier nehmen Professor Hörstmeier und sein Team verschiedene
Rollstuhlmodelle unterschiedlicher Hersteller unter die Lupe: Räder
und Rollsysteme, Sitzpolsterung, Armlehnen sowie die
Rohrkonstruktionen aus Aluminium, Karbon oder Stahl. Die
mittelfristige Zielsetzung: der Einsatz optimierter Materialien und
die Änderung der Geometrien, um den Rollwiderstand zu verringern,
gekoppelt mit einer optimalen Kraftübertragung und einer Verbesserung
der Sitzergonomie.

Ergebnisse an Fachhandel, Therapiekräfte und Hersteller
Über die jetzigen Forschungsergebnisse der Fachhochschule Bielefeld
informierte sich vor Ort Angelika Gemkow, Beauftragte der
Landesregierung für die Belange der Menschen mit Behinderung in NRW.
Gemeinsam mit dem Fachhandel und Therapiekräften werden Vorschläge
erarbeitet, um die künftige Hilfsmittelberatung zu verbessern. Auf der
technischen Seite werden die Ergebnisse in Kooperation mit
Rollstuhlherstellern ausgewertet und in die Produktion eingebunden.
"Wir wollen Rollstühle leichter und leichtgängiger machen, durch
innovative Werkstoffauswahl und Konstruktion", erklärt Professor
Hörstmeier, "auf diese Weise wollen wir mehr Komfort und weniger
Kraftaufwand für Rollstuhlnutzerinnen und -nutzer erreichen und ihnen
somit mehr Lebensqualität ermöglichen."

Kontakt
Fachhochschule Bielefeld
Am Stadtholz 24
33609 Bielefeld

Professor Ralf Hörstmeier
Fachbereich Maschinenbau
fon 0521.106-7445
fax 0521.106-7180
e-mail ralf.hoerstmeier@fh-bielefeld.de

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